El Río Pastaza

El Río Pastaza
Become friends with people who aren't your age. Hangout with people whose first language isn't the same as yours. Get to know someone who doesn't come from your social class. This is how you can see the world. This is how you grow. - Unknown

Dienstag, 8. März 2016

Tag 190 & 191

Wasser marsch!
Auf einen ruhigen, sehr sonnigen Sonntag folgt eine unglaublich unruhige Nacht. Wie immer, wenn die Sonne besonders lange und kräftig geschienen hat, folgt ein heftiges Gewitter. Punkt 0 Uhr fängt es an und dann regnet es 7 Stunden durch! :O
Auch im Laufe des Montages schüttet es immer wieder.
Der Regen war / ist so heftig, dass

  • ich die ganze Nacht kaum geschlafen habe
  • ich schon um 5.30 Uhr aufgestanden bin, weil ich Angst hatte, dass wenn ich nochmal einschlafe, den Wecker nicht höre
  • Miriam ihren Wecker tatsächlich nicht hört
  • wir in Shorts & Sandalen in die Schule gehen und uns dort umziehen
  • die Hälfte der Kinder mit nassen Kleidern in der Schule sitzt (nicht alle Mütter haben ihren Kindern schlauerweise Gummistiefel angezogen, wie Matías Mutter ihm)
  • sich die Regenabflussrinnen in reißende Flüsse verwandeln
  • der Weg zu unserem "comedor" daraus besteht, aufzupassen, in keine Pfütze zu treten und möglichst nicht zu nahe an der Straße entlang zu laufen um nicht von vorbei fahrenden Autos nass gemacht zu werden
  • ich mittags den abgebröckelten Putz aus meinem Zimmer kehre, der durch die Kraft des Regens ein kleines Häufchen auf meinem Zimmerboden gebildet hat
Obwohl das Wetter hier eigentlich immer sehr ähnlich ist, reden ständig alle davon, was mich irgendwie amüsiert. Auch heute ist der Regen das Gesprächsthema Nummer eins :D.
Drückt mir die Daumen, dass der Regen zumindest heute Nacht Erbarmen hat!
Liebste Grüße,
Clara

Sonntag, 6. März 2016

Tag 189

Wasserfallroute per Fahrrad.
Nach einer kurzen und außerdem sehr kalten Nacht (aufgrund der fehlenden Bettdecken und der nasskalten Kleider) beginnt der Samstag statt mit strömendem Regen mit Nieselregen.
Die Stimmung wird allerdings durch den Anblick eines deutschen Brotes zum Frühstück deutlich gehoben :D.
Rahel und ich sind mit Wuanshu (aus Tena) verabredet und so verabschieden wir uns gegen 10 Uhr von den Anderen.
Wir möchten heute einen Teil des Weges von Baños nach Puyo mit dem Fahrrad zurück legen - die sogenannte Wasserfallroute - weshalb Wuanshu uns in das Reisebüro eines Freundes bringt, das Fahrräder verleiht. Bevor es losgeht holt Wuanshu noch eine andere (deutsche) Freundin, Lena, ab. Dann machen wir uns zu viert auf den Weg.
Die uns inzwischen sehr bekannte Strecke Baños - Puyo ist mit dem Fahrrad noch einmal viel schöner als wenn man im Bus sitzt und aus dem Fenster schaut. Wir halten oft an um in die Pastaza-Schlucht zu blicken, die sich rechts von uns auftut. Außer der Schlucht und den grün bewachsenen Bergen, die sie umgeben, sehen wir natürlich jede Menge Wasserfälle, von denen wir einige schon besucht haben.
Bis Río Verde sind es ca. 18 km, die wir zurücklegen. Teilweise führt die Strecke durch Tunnel in denen es tropft, sodass wir am Ende dreckwasserverspritzt in Río Verde ankommen :D. Wie auch immer ich es geschafft habe, habe ich am meisten abbekommen, was mir einige komische Blicke beschert ;D.


Deshalb machen wir uns erstmal am Fluss sauber bevor wir essen gehen.
Rahels und mein Weg führt danach zurück nach Puyo, wo als wir ankommen tatsächlich ein sehr angenehmes, sonniges Wetter herrscht.

Müde und erschöpft fallen wir gegen 17 Uhr ins Bett und bewegen uns aus diesem den ganzen Tag lang nur noch sehr ungerne weg :D.
Ich wünsche euch einen schönen Sonntag! Bis dann, eure
Clara

Tag 188

Ende der Weihnachtszeit & Nachtleben im strömenden Regen.
Der Morgen startet sehr energetisch: Rafael hat wohl einen guten Tag heute und fährt Schlangenlinien auf der Spur oder legt den Bus so in die Kurve, dass ein allgemeiner Aufschrei zu hören ist. Zumindest sind so alle wach, bis wir im Instituto ankommen ;).
Dort hängen wir heute endlich unsere Weihnachtsdekoration ab (Anfang März!!) und kommen außerdem ein gutes Stück mit unserem Projekt voran. Mit Ruths Gruppe basteln wir aus alten Joghurtbehältern, Nägeln und Reis Regenrohre und mit Remigios Gruppe (4 Jungs, die die permanente Gartengruppe darstellen) werden erste akrobatische Versuche unternommen.
Gegen Nachmittag entscheiden wir spontan, nach Baños zu fahren, da wir die Möglichkeit haben im Zweithaus von Lineas Gastfamilie zu schlafen.
Auf der Fahrt lernen Rahel und ich einen jungen LKW-Fahrer kennen. Auch er hat eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen, die ich im Folgenden skizzieren möchte: Er wird 1990 als Drittjüngster von insgesamt 13 Kindern geboren. Mit 12 Jahren bricht er die Schule ab. Da seine Familie an der Grenze zu Kolumbien wohnt, hat er kolumbianische Freunde, zu denen er zieht. Mit 15 Jahren kehrt er wieder zu seiner Familie nach Ecuador zurück. Gerade geht er wieder zur Schule und macht außerdem eine Ausbildung zum Fahrlehrer. Er hat zwei Kinder, die bei ihm wohnen. Seine Frau wohnt jetzt seit über einem Jahr in Spanien aber da er kein Interesse daran hat, Ecuador zu verlassen, sind die beiden so gut wie getrennt (so erklärt er es).
Im strömenden Regen kommen wir in Baños an, wo wir auf Miriam und Linea treffen. Später stoßen noch zwei andere Puyo-Freiwillige zu uns. Klitschnass kommen wir gegen 22.30 Uhr in der ersten Diskothek an, auf deren Dachterrasse aber zumindest ein Lagerfeuer brennt, was die Kälte eindämmt und auch unsere Sachen trocknen lässt.
Auch gegen frühen Morgen hat der Regen noch kein Ende und so kommen wir mit feuchten Kleidern in dem Zweithaus von Lineas Gastfamilie an.
Sonnige Grüße aus dem (ausnahmsweise) nicht regnerischen Puyo, eure
Clara

Freitag, 4. März 2016

Tag 187

Familienzuwachs.
Da ich heute das erste Mal in dieser Woche wieder im Instituto bin, fällt die Begrüßung größer aus, als normalerweise. Ich merke dabei, dass die Kinder mich genau so sehr vermisst haben, wie ich sie, was mich gleich zu Schulbeginn ein bisschen mit den Tränen (vor Rührung) kämpfen lässt.
In der Pause kommt Gloria (eins der älteren Mädchen) auf mich zugestürmt und drückt mich so fest, dass meine ganzen Organe zusammen rutschen :D. Mit dem Blick zu Luis meint sie "La Clarita no se va nunca" (sinngemäß übersetzt: Clara geht nie wieder). Lachend erklärt Luis ihr, dass ich leider zurück nach Deutschland gehen "muss", da dort meine Familie ist. Gloria hat aber die Lösung parat indem sie mich einfach als ihre Schwester in ihre Familie integrieren möchte. Den ganzen Tag lang werde ich von ihr nur noch mit "Schwester" angesprochen :D.
Später kommt Johann auf eine andere Idee, wie ich in Ecuador bleiben könnte indem er mir vorschlägt, ich könne doch einfach Michaels Mutter sein.
Gegen Nachmittag will ich gerade vom Haupthaus wieder ins Apartment laufen als mich ein kleiner Welpe mit großen Augen anschaut. Er muss wohl durch die Gitterstäbe der Metalltür (die wir tagsüber als einzige Türe geschlossen haben) gekommen sein. Ruth erzählt mir, dass er einer Nachbarin gehöre, die sich aber nicht um ihn kümmere. Der arme Welpe hat wohl seit Tagen nichts mehr gegessen. Wir geben ihm Futter und an Ruths Blick erkenne ich, dass sie befürchtet, ich wolle ihn adoptieren :D. Da sie mir diesen Wunsch aber nicht abschlagen könnte, ist sie froh, als der Kleine das Haus wieder verlässt und unsere Hunde (bisher) noch keinen Familienzuwachs bekommen.
Bis morgen, eure
Clara

Donnerstag, 3. März 2016

Tag 184, 185 & 186

Endlich wieder auf den Beinen.
Die letzten Tage musste ich leider aufgrund plötzlich auftauchender Übelkeit im Bett verbringen.
Eine Ursache für diese Übelkeit habe ich bis heute nicht gefunden, aber die Hauptsache ist: morgen geht's endlich wieder ins Instituto!
In den drei Tagen, die ich komplett zuhause verbrachte, habe ich so ungefähr jede Wetterlage und die damit verbundenen Vor- und Nachteile unseres Apartments kennengelernt :D.
Bei Starkregen: Kommunikationsprobleme. Außerdem keine Chance, einen Film zu schauen oder Musik zu hören. Zusätzlich könnte es dazu kommen, dass man Angst hat, es falle einem sprichwörtlich die Decke auf den Kopf. Merke: Wellblechdach + Starkregen = gefühlter Weltuntergang.
Bei Sonnenschein pur: irgendwann geht man unter dem Wellblechdach ein... da hilft auch ein offenes Fenster nicht mehr.
Bei Wind: lässt es sich (solange es nicht in Verbindung mit Regen ist) gut aushalten. Außer man sortiert gerade bei offenem Fenster seine Zettelsammlung...
Was ich außerdem noch gelernt habe in diesen drei Tagen: wie sehr mir das Instituto, die Lehrer aber vor allem die Kinder jetzt schon fehlen, wenn ich sie mal ein paar Tage nicht um mich habe.
Ich freue mich deshalb umso mehr, morgen endlich wieder ins Instituto zu gehen.
Bis dann und liebste Grüße, eure
Clara

Dienstag, 1. März 2016

6. Monat - Rückblick & Zusammenfassung

UNFASSBAR! Ab jetzt wird rückwärts gezählt: mehr als die Hälfte meiner Zeit in Ecuador ist jetzt vorbei.
Ich fühle mich inzwischen so zuhause, dass mein Alltag hier zur Normalität geworden ist. Ein Leben ohne Ruth, ohne Samuel und ohne Rahel (um mal nur ein paar der wichtigen Personen zu nennen), ohne das Instituto, ohne das ecuadorianische Essen und ohne all die besonderen Erfahrungen, die ich jeden Tag mache, ist für mich gerade unvorstellbar.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicke ich nun dem nächsten halben Jahr entgegen.
Zuvor möchte ich aber auch auf dieses halbe Jahr zurück blicken.
Wie immer möchte ich ins Gedächtnis rufen, dass dies meine subjektiven Eindrücke sind, die durch meine Erziehung und meine Bildung geprägt wurden. Es soll (und darf) somit nichts pauschalisiert und generalisiert werden! Außerdem treffen viele der Dinge nur auf meinen aktuellen Wohnort Puyo zu.

Ecuador ist, wenn...
  • man zu einem Gericht sechs Soßen serviert bekommt aber weder Salz noch Pfeffer
  • du nicht das Essen suchst, sondern das Essen dich sucht
  • sich auf einmal jeder teure Markenkleidung (natürlich "original") leisten kann und Leggings von jedem als ganz normale Hosen genutzt werden
  • sich auf einer längeren Busreise mindestens ein Mal das Landschaftsbild bzw. die Vegetation radikal verändert
  • man anstatt Taschentücher in der Handtasche mit Toilettenpapier in der Hosentasche herumläuft
  • jeder einen mit herzlich offenen Armen empfängt (zumindest ist mir bisher nichts gegenteiliges passiert)
  • man die Kinder beim Englischunterricht fragt, was es in der Schule so alles gibt und die erste Antwort "die Flagge" ist
  • es an jeder Ecke einen "Minimarket" gibt
  • man an einem Ort übernachten will, wo die Familie von Bekannten wohnt und dir gleich zwei Häuser angeboten werden
  • am Straßenrand mindestens ein Grill auf dem maduros, Maiskolben oder Fleisch liegen, vor sich hin raucht
  • man sehr tolerant gegenüber der Lautstärke wird, in der die Nachbarn Musik hören
  • man zum Frühstück im Nebenhaus (ca. 10 Schritte) mit dem Regenschirm läuft, da es mal wieder so stark regnet
  • jeder, mit dem du dich auch nur ein Mal unterhalten hast, gleich dein "amigo" (= Freund) ist
  • man manchmal mehrere Tage warten muss, bis die Wäsche trocken ist (ein Hoch auf die Luftfeuchtigkeit in Puyo)
  • es einem nach ein paar Monaten richtig leicht fällt, für eine Kurzreise zu packen
  • man sich abends mit einem Stein bewaffnet bevor man den Heimweg antritt um aggressive Hunde in die Flucht zu schlagen
  • Spontanität und Flexibilität eine viel größere Rolle spielen
  • man inzwischen seine Passnummer auswendig gelernt hat, da sie überall angegeben werden muss
  • ab 19 Uhr das öffentliche Nahverkehrssystem lahm liegt (Ausnahme: Großstädte wie Quito, Guayaquil,..)
  • man die Zeit ab 18 Uhr schon als "noche" (= Nacht) bezeichnet, da es einfach dunkel ist
  • man mehr als je zuvor zu schätzen lernt, was man in Deutschland alles hat (Familie, Freunde, guten Käse,...)
  • die "hora ecuatoriana" so manchen Europäer auf der Straße stehen lässt
  • man die Tiere in seinem Zimmer toleriert, solange sie einem nicht das Bett streitig machen
  • fast jeder Ort, den man besucht ein anderes Landschaftsbild und ein anderes Ökosystem aufweist
  • Reis täglich und zu jeder Tageszeit gegessen werden kann (eine Mahlzeit zählt nicht als Mahlzeit, wenn kein Reis dabei ist)
  • man aus Höflichkeit immer eine Auskunft bekommt, egal, ob sie stimmt oder nicht
  • man an der "costa" plötzlich überlegt, ob in Ecuador spanisch gesprochen wird (die costeños lassen nämlich beim Sprechen das "s" weg - so wird aus einem "¿cómo estás?" einfach ein "¿cómo etá?")
  • man dem Busfahrer in Puyo drei Mal sagt, dass man nicht nach Shell möchte und er trotzdem noch einmal nachfragt
  • in der Pfütze vor der Haustüre Kaulquappen wohnen weil es so oft regnet
  • jeden Abend das Zimmer ausgeräuchert werden muss, da wieder zehn neue Mücken durch die Gegend schwirren
  • man ganz erstaunt ist, wenn ein Lied mal nicht von der Liebe handelt
  • es immer wieder Orte mit gleichen Namen gibt und Touristen dann mit dem Surfbrett im Andenhochland stehen 
  • man alle zwei Meter ein Foto machen könnte, dann aber immer enttäuscht ist, weil das Foto nicht einen Bruchteil der Schönheit des Landes einfängt
  • man denkt, dass sobald ein Feiertag vorbei ist, Ruhe einkehrt, der nächste Feiertag aber schon vor der Tür steht
  • nach dem Regen in Puyo der Weg nach Hause durch Pfützen zum Slalomlauf wird
  • man während der Karnevalszeit die Wertsachen in Plastiktüten steckt um sie vor möglichen Schaum- und Wasserattacken zu schützen
  • morgens um 5 Uhr der Beifahrer im Bus Raumerfrischer durch den Gang sprüht
  • man nach 5 Monaten endlich die perfekte Bus-Schlaf-Position gefunden hat
  • in der Apotheke mehr Schokolade, Windeln und Shampoos verkauft werden, als Medikamente
  • die ersten 6 Autos an der Ampel Taxis sind
  • man, sobald man einen Laden betritt von mindestens einem Verkäufer auf bis zu einem halben Meter Abstand verfolgt wird
  • Kinder im Auto nicht als Passagiere zählen, da man sie einfach auf den Schoß nimmt
  • man bei einer Straße mit Spur und Gegenspur auch auf der linken Seite parken kann
  • man öfters "Deutsch" mit Nachnamen heißt, da nicht verstanden wird, dass "Deutsch" im Reisepass die Nationalität angibt
  • man ganz erstaunt ist, wenn beim Zebrastreifen mal einer anhält (... und dann merkt, dass es nur die Fahrschule ist)
  • es nicht mehr komisch ist, dass man im "comedor" (= Mittagessenslokal) nur gefragt wird, welche Fleischsorte man möchte, weil man weiß, dass Suppe, Reis + wahlweise Bohnen, Linsen oder Salat und Saft obligatorischer Bestandteil des Mittagessens sind
  • jedes Kind das Lied singen kann, das die Müllabfuhr in Dauerschleife abspielt während sie durch die Straßen fegt
  • einem eine 5-Stunden-Busfahrt plötzlich "kurz" erscheint
  • man mehrmals am Tag den Satz liest, der inzwischen zum Lebensmotto geworden ist: "ama la vida" (= liebe das Leben)(Anmerkung: der Satz "ama la vida" ist vergleichbar mit dem Untertitel eines Buches oder dem Beinamen einer Person; so heißt es immer "Ecuador - ama la vida")
  • auf den Bussen "no vendedores ni payasos" (= weder Verkäufer noch Clowns) steht und trotzdem jede Reisebusfahrt mit einer Leidensgeschichte beginnt, worauf Geld sammeln folgt
  • physische als auch psychische Grenzen getestet werden


Ich glaube, ich könnte diese Liste noch um viele Punkte erweitern, lasse das jetzt aber mal so stehen ;).
¡Ama la vida!
Clara

Tag 183

Bosque Protector Pasochoa & trampen bis nach Mera.
Sonntagmorgens schlägt mir die kühle, trockene Luft Quitos entgegen - eine echte Erfrischung zur warmen, feuchten Luft in Puyo :).
Unser heutiges Tagesziel: der Bosque Protector Pasochoa. Ein Urwaldschutzgebiet, das eingekesselt von den hufeisenförmigen Ausläufern des Cerro Pasochoa südöstlich von Quito liegt.
Der Bus für 43 Cent pro Person bringt Rahel und mich vorbei an kleinsten Dörfchen und Bauernhöfen in die Stadt Amaguaña (wobei Stadt eigentlich zu viel gesagt ist :D). Mit dem Taxi geht es 20 Minuten einen sehr holprigen Weg bergauf, weshalb wir beschließen, den Rückweg mit Rücksicht auf unsere Sitzfläche lieber zu laufen.
Da uns die Zeit zu einer größeren Wanderung fehlt, laufen wir nur eine gute Stunde durch den Wald. An sich sehen wir nichts, was wir nicht schon einmal gesehen haben. Allerdings ist es doch sehr besonders, durch eine der letzten Urwaldnischen im Andenhochland zu laufen. Links vom Weg geht es in die selva, wie wir sie ähnlich auch aus Puyo kennen; rechts des Weges grasen Kühe auf einer Wiese auf der Klee wächst. Klee neben Bambus auf knapp 3000 Metern Höhe - irgendwie unwirklich!





Nachdem wir eine Stunde der holprigen Straße bergab gefolgt sind, stehen wir wieder an unserem Ausgangspunkt, wo wir eine Pause einlegen.
Gegen halb drei machen wir uns auf den Heimweg. Diesen wollen wir nicht mit dem Bus fahren (mal abgesehen davon, dass es ein Umweg gewesen wäre) sondern wir versuchen es mit Trampen.
Nach Tambillo, der ersten Stadt nach Amaguañas auf der Panamericana (= das Schnellstraßensystem, das mit wenigen Lücken Alaska mit Feuerland verbindet) nimmt uns ein älterer Herr mit. Er sei in Tambillo geboren, lebe aber "schon immer" in Quito. Er fährt für uns extra einen kleinen Umweg durch Tambillo, damit wir das kleine Städtchen sehen. Da er viel selbst redet, kommen Rahel und ich auf der kurzen Fahrt kaum zu Wort. Das stört mich aber wenig, da es auch mal schön ist, mehr von den Leuten zu erfahren als ständig über sich reden zu müssen :).
Weiter auf der Panamericana entlang Richtung Latacunga nimmt uns ein Soldat mittleren Alters mit. Carlos Efren arbeite seit 18 Jahren bei der Luftwaffe. Außerdem trainiert er Drogen- und Vermisstenspürhunde, die seine besten Freunde seien. Er wohne bei seiner Mutter, die ursprünglich aus Cuenca stamme, in Quito. Stationiert sei er aber in Latacunga. Insgesamt habe er sechs Geschwister, wovon zwei ebenfalls Soldaten seien. Carlos Efren sorgt freundlicherweise dafür, dass wir wissen, wie wir weiterkommen. Außerdem gibt er mir seine Kontaktdaten, damit wir (falls wir mal in Latacunga sind) mit ihm Meerschweinchen essen gehen (das schlägt er vor, als ich erwähne, dass wir das noch nie probiert haben ;)).
In Latacunga treffen wir auf einen Dänen, der nach Baños kommen möchte. Rahel und ich stecken ihn in den nächsten Bus.
Nach Ambato kommen wir, zu dritt in die Fahrerkabine eines camionetas gequetscht, mit einem Autohändler. Er wohne mit seinen zwei Kindern bei seinen Eltern in Quito. Seine Mutter wäre schon einmal in Deutschland gewesen, weshalb er wisse, wie schwer es sei, Deutsch zu lernen. Auch er habe schon einmal die Möglichkeit gehabt, nach Deutschland zu reisen, habe aber zu viel Angst gehabt, sich nicht verständigen zu können. Darüber ärgert er sich noch heute. Zusammen mit seinem Kollegen, der im Auto hinter uns fährt, machen wir bei einer Eisdiele halt und genießen in der Kälte des Hochlandes unser Eis.
Die interessanteste Begegnung allerdings haben Rahel und ich auf unserer letzten Etappe. In Ambato nehmen uns zwei "aventureros" (= Abenteurer) in ihrem klapprigen, roten Bus mit. Bevor wir einsteigen, werden noch die Seile und Helme (vom Klettern) von der Sitzbank geräumt. Wir erfahren, dass Juan Pablo und Marco beide für eine Zeit lang in Europa gelebt haben. Marcos habe 12 Jahre in Spanien und 3 Jahre in Österreich gewohnt, wo er in der Sommersaison auf einer Farm und im Winter als Skilehrer gearbeitet habe. Juan Pablo habe für eine Zeit in Dresden gewohnt. Er erzählt, dass er einmal bei einer Neonazi-Gegendemonstration gewesen wäre. Alleine habe er sich nicht auf die Straße getraut aber zusammen mit den anderen Gegendemonstranten konnte er alles mehr oder weniger in Sicherheit beobachten.
Die beiden sind indígenas. Sie erklären uns, dass sie allerdings erst seit ein paar Jahren wieder zu ihrem Stolz zurück gefunden haben. Jahrelang seien sie unterdrückt worden und ihnen solle das Gefühl gegeben worden sein, dass sie "schlechter" seien. Bis heute noch sieht man in vielen Werbungen hellhäutige Menschen oder blonde Männer und Frauen. Juan Pablos Mutter sei Medizinerin und wisse viel über Heilpflanzen und die andinen Heilmethoden.
Beide haben sie eine Finca, auf denen die Ware biologisch angebaut werde. Juan Pablo habe Ökologie und Tourismus studiert und arbeitet heute neben seiner Finca außerdem als Reiseleiter. 5 Tage die Woche seien sie auf ihren Fincas beschäftigt und das Wochenende nutzen sie zum Klettern, erklären sie uns. Sobald sie außerdem ein bisschen Geld angespart haben, suchen sie neue Horizonte. Mir wird klar, dass sie schon viel von Europa und Süd- bzw. Mittelamerika gesehen haben.
In Mera sind wir an der Endstation von Juan Pablo und Marco angekommen. Von dort aus nehmen wir den Bus nach Puyo (ca. 20 Minuten) und kommen nur minimal später als wenn wir mit dem Bus gefahren wären, zuhause an.
Viele neue Eindrücke haben wir durch das Trampen gesammelt und außerdem ganze 14$ gespart :D.
Wie man ein Land aber am besten kennen lernt, das ist mir schon länger klar, ist durch die Begegnungen mit seinen Menschen.
In diesem Sinne hoffe ich, dass ihr einen guten Start in die Woche hattet und verabschiede mich mit lieben Grüßen.
Bis dann, eure
Clara